Heute war der letzte Schultag der besten Freundin meiner Tochter. Sie wird morgen umziehen in ein
Dorf ungefähr 50 Minuten von hier. Damit ist ihr Schicksal besiegelt und muss sie auch die Schule wechseln. Heute morgen auf dem Weg zur Schule nahm ich bei mir plötzlich aufkommende Tränen und eine Traurigkeit wahr. Der Umzug von N. erinnert mich an meine eigenen unzähligen Umzüge als Kind.
“Liebe Mama,
Heute war der letzte Schultag der besten Freundin meiner Tochter. Sie wird morgen umziehen in ein
Dorf ungefähr 50 Minuten von hier. Damit ist ihr Schicksal besiegelt und muss sie auch die Schule wechseln. Heute morgen auf dem Weg zur Schule nahm ich bei mir plötzlich aufkommende Tränen und eine Traurigkeit wahr. Der Umzug von N. erinnert mich an meine eigenen unzähligen Umzüge mit Dir und A. Und an alle ersten Schultage in
einer neuen Schule. Es ist wahr, dass Kinder sich schnell anpassen. Das habe ich auch getan. Aber gleichzeitig war ich es satt, andauernd „die Neue“ zu sein, alte Bindungen aufzugeben und mich in neue Gruppen einfinden zu müssen. Acht Umzüge zwischen meinem 6. und 19. Lebensjahr. 8 verschiedene Schulen. Ich habe mich hierfür lange geschämt. Einmal fragte mich eine Klassenkameradin, ob wir Nomaden seien. Damals war ich 14 und es ist mir bis heute im Kopf geblieben. Eine derartige Jugend sorgt dafür, dass man nicht schnell wurzeln schlägt, dass man sich nicht wirklich an einen Ort bindet.
Erst jetzt, nach 35 Jahren komme ich zum ersten Mal in meinem Leben an den Punkt, dass ich mich zu
Hause fühle an dem Ort, an dem ich seit 2,5 Jahren lebe. Mein Partner und ich sind sehr bewusst mit dem Thema umgegangen und wollten einen festen Wohnort ab dem Moment, dass unsere Tochter schulpflichtig wird. Ich hätte nie erwartet, dass
nicht nur meine Tochter, sondern auch ich verbunden sein werde mit unserem Ort.
Der Abschied von N. heute erinnert mich an die Einsamkeit, die ich empfunden habe. Das Gefühl „anders“ zu sein und minderwertig. Mich erklären zu müssen für die Entscheidungen meiner Eltern.
Verdammt Mama, warum hast du damals nicht einmal an mein Wohlergehen gedacht? Wie konntest Du nur so egoistisch sein? Ihr wart immer so mit euren eigenen Problemen beschäftigt, dass ihr gar nicht bemerkt habt, dass ihr gleichzeitig neue
Probleme für mich und meine Schwester verursacht habt. Du warst immer auf der Flucht. Hast die Probleme im Außen gesucht, obwohl das Problem im Inneren lag. Erst jetzt machst du langsam die Augen auf. Das hat den Effekt, dass ich teilweise Anerkennung erfahre für Vieles, das Geschehen ist. Zeitgleich habe ich Angst. Angst, dass du die Augen vor der Realität erneut verschließt und weitermachst wie bisher. Angst davor, was dies für unsere Beziehung bedeutet. Angst davor, dass du dein Leben nicht gelebt hast, wenn du irgendwann einmal von dieser Erde gehst.”
Chronisch “die Neue” sein und nie Wurzeln schlagen können hat einen großen Effekt auf die mentale Gesundheit. Körper und Geist, und quasi das ganze Nervensysteem sind andauernd im Überlebensstand.
Es ist ein unbeschreibliches Gefühl nach 35 Jahren endlich Wurzeln zu schlagen. Durch den Entschluss, den ich für meine Tochter gefasst habe, konnte ich meine eigene Heilung vertiefen.
Plaats een reactie